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Bestattungsbranche

Der Friedhof unter dem Nordlicht

Ein Besuch im hohen Norden Kanadas: Wer vom Alaska Highway bei Jake’s Corner, einem verlassenen Restaurant, abbiegt, erreicht die kleine Ortschaft Atlin.

Ausgabe 9.2026

Der weiße Salondampfer MV Tarahne steht aufgebockt am Ufer des Atlin Lake, dahinter eine kanadische Flagge, der See und schneebedeckte Berge.
Foto: Gerti Keller

Wer vom Alaska Highway bei Jake’s Corner, einem verlassenen Restaurant, abbiegt, erreicht die kleine Ortschaft Atlin – nach fast 100 Kilometern Sackgasse. Heute wohnen rund 450 Seelen dort, aber einst war hier der Teufel los. Aus gutem Grund: 1898 entdeckten Fritz Miller und Kenny McLaren im Schlamm ihrer Goldwaschpfannen im nahen Fluss Pine Creek die ersten Nuggets. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Denn der Goldrausch war der Hype der Zeit: Erst zwei Jahre zuvor war die Jagd nach dem gelben Glück am Klondike ausgebrochen.

10.000 Glückssucher strömten in die abgelegene Gegend. Bald waren alle Bäche abgesteckt. Direkt am Fundort entwickelte sich zunächst eine Zeltstadt namens „Discovery“, dann schossen am wenige Kilometer entfernten See die ersten „richtigen“ Gebäude aus der Erde. Die Kleinstadt Atlin entstand mit Saloons, Hotels, Krämerläden – und der erste Friedhof wurde eröffnet.

Die ersten Bestattungen

„Mr. Sinclair gehörte zu den ersten fünf Bestattungen. Er ertrank 1898, nachdem er durch das Eis des Atlin Lake gebrochen war“, erzählt Kate Fisher, die ein Buch über die Geschichte der Gemeinde geschrieben hat. Ein Jahr später folgte ihm Mrs. Turner. Sie war im August zuvor mit ihrem Mann, einem Zahnarzt, angekommen und einer Lungenentzündung erlegen. Über sie berichtete „The Atlin Claim“ am 29. April 1899: „Es heißt, Mrs. Turner sei die erste weiße Frau gewesen, die Atlin besucht habe.“

Drei Jahre später erwischte es John McIntyre. Der 27-jährige Postbote war Ende November per Hundeschlitten unterwegs, erst sechs Monate später wurde seine gefrorene Leiche in einer Bucht gefunden. 1904 fand auch der erste der Glücksritter, Fritz Miller, hier seine letzte Ruhestätte. Der Deutsche, der aus der Nähe von Hannover stammte, starb mit 31 an Darmverstopfung. Das Goldfieber ebbte zwar bis 1908 ab, aber der Bergbau bot weiterhin etwas Arbeit und auch der Tourismus lief an. 1917 nahm der Dampfer MV Tarahne seinen Dienst auf. Atlin mit seinen schneebedeckten Bergen und dem vom Gletscher gespeisten See wurde eine exotische Destination – allerdings nur im kurzen Sommer. Denn der Frost beginnt früh und kann locker bis -47 Grad erreichen.

Eine verwitterte Bronzetafel für Thomas Frederic Harper Reed, eingefasst in einen Hügel aus bunten Steinen.
Foto: Gerti Keller

Harte Winter

Eine Plakette an einer alten Blockhütte in der jetzigen Geisterstadt Discovery berichtet, wie die James-Familie einen Winter knapp überlebte, in dem das Thermometer sogar auf -63 Grad fiel. Das Wasser gefror im Krug auf dem Tisch. Die Kinder hungerten und bei der Schneehuhn-Jagd fand der Vater nur tote Vögel. Sie hatten sich eingegraben beim vergeblichen Versuch, sich warmzuhalten.

Von klirrender Kälte kann auch der Friedhof manche Geschichte erzählen. An ihr verschied der Afrikaner John Elmwood Simons, der Koch in einer Mine war. Im Februar 1914 versuchte er auf dem Weg zum Camp seine Schneeschuhe mit Weidenzweigen und seinen Hosenträgern zu flicken – und erfror dabei. Nicht wenige Träume zerbrachen zudem an den Arbeitsbedingungen und der rauen Wildnis. Etliche der windschiefen Grabtafeln erinnern an junge Bergleute, oft Einwanderer aus Italien, Norwegen oder Irland.

Ein Obelisk trägt den Namen des Fliegers E. J. „Paddy“ Burke. Er musste 1930 mit seinem Wasserflugzeug notlanden und verhungerte fernab der Route. Andreu Boudreau verschied 1938 an Skorbut, den er sich auf dem Teslin Trail, einem alten Weg der Trapper und Goldsucher, zugezogen hatte. Ein trauriges Schicksal ereilte auch Charley William Rudolf im Alter von gerade mal 16. Er wurde 1940 erschossen, weil man ihn für einen Bären hielt. Unter den Toten sind ebenfalls viele Babys und Kleinkinder, manche nur wenige Tage alt. Es gibt sogar ein Commonwealth-Grab: In ihm ruht Leutnant Francis Henning von der Royal Canadian Air Force. Er kam 21-jährig bei einem Flugzeugabsturz ums Leben – ein Propeller schmückt seine letzte Ruhestätte.

Ein hölzerner Grabstein auf einer Wiese, in den Name und Lebensdaten von Charley William Rudolf eingeschnitten sind.
Foto: Gerti Keller
Ein helles Grabmal mit eingemeißeltem Kreuz, davor liegt ein hölzerner Flugzeugpropeller auf der steinernen Einfassung.
Foto: Gerti Keller

In manchen Gräbern fehlt jemand

Und bei manchen Gräbern fehlt jemand. So wie bei Sam und Eva Daniell. Obwohl beide Namen auf dem Granitstein eingraviert sind, gibt es nur von ihm das Sterbedatum 1944. Fisher weiß mehr: „Eva betrieb Bordelle in Discovery und Atlin. Sie musste sogar einmal eine Geldstrafe von 100 Dollar zahlen, weil sie ohne Lizenz Alkohol verkauft hatte. Eine hohe Strafe für damalige Verhältnisse! Als sie den Mann ihrer Träume heiratete, gab sie ihr Gewerbe auf und wurde Schneiderin.“ Im Alter wurde sie immer schwieriger und in ein weit entferntes Pflegeheim gebracht, gegen ihren Willen: „Ihr Widerstand entsprang ihrer größten Angst: nicht neben ihrem Sam beigesetzt zu werden“, so Fisher. Was sich leider bewahrheitete.

Unbewohnt ist auch ein kleiner Steinhügel mit der Inschrift: Thomas Reed, Gentleman Adventurer. Laut Fisher war er „ein schillernder Pionier“. Er arbeitete Anfang des letzten Jahrhunderts als Landvermesser an der Grenze zu Alaska, erkundete die Region nach Bodenschätzen und war „Indianerbeauftragter“. Denn es war und ist das Gebiet der Taku River Tlingit First Nation. 1965 starb er hochbetagt. Die Atlin Historical Society setzte ihm dieses Denkmal, lange nachdem der Begräbnisplatz geschlossen war.

Denn schon 1948 kam das Aus für den Friedhof der Glücksritter. Zu jener Zeit war Atlin vom Rest der Welt erneut nahezu abgeschnitten. Die Weltwirtschaftskrise hatte den Tourismus zusammenbrechen lassen. Die 100 verbliebenen Einwohner fuhren mit Booten zu ihren Häusern. Nur noch wenige Familien schürften – übrigens bis heute – nach wertvollen Metallen. Dann baute die Armee die Landstraße, die 1950 eröffnet wurde. Seit 2025 gibt es Mobilfunkempfang.

Inzwischen genießen ein paar Touristen wieder die Sommerfrische und den rau-liebenswürdigen Charme des einstigen Goldgräberstädtchens. Viele der alten Häuser stehen noch, die MV Tarahne liegt immer noch am Ufer vertäut. Drum herum ist nach wie vor nur Wildnis, die auch von Grizzlys bewohnt wird – und im Winter tanzt das Polarlicht über den Toten.